
Mehrstufige Selektionstheorie
Die mehrstufige Selektionstheorie erklärt die Evolution des Altruismus
durch Betrachtung der natürlichen Selektion auf der Ebene einer Gruppe
an statt eines Individuums. Betrachten sie, zum Beispiel, eine
Population von Tieren, die aus einander bekämpfenden Stämmen besteht;
dies bedingt zwei Ebenen von Selektion: innerhalb der Gruppen und
zwischen den Gruppen.
Innerhalb eines jeden Stammes würde altruistisches Verhalten durch die
Dominanz egoistischen Verhaltens unterdrückt. Wenn aber altruistisches
Verhalten die allgemeine Überlebensfähigkeit der Gruppe erhöht,
dann würde die Leistungsfähigkeit der Gruppe mit der größten
Anzahl an Altruisten die der egoistischeren Gruppen übertreffen.
Unter geeigneten Bedingungen kann dieser alternative Selektionsdruck
die Nachteile von Altruismus für das Individuum überwinden.
Mehrstufige Selektion tritt nicht nur auf diesen beiden Ebenen auf,
weil Tiere zu verschiedenen Gruppen gehören können - enge, familiäre
Gruppen, erweiterte Familien, Stämme, etc. - und wir können annehmen,
daß evolutionäre Selektion auf jeder dieser Ebenen stattfindet.
Diese Erklärung von Altruismus wird durch mehr Indizien aus
anthropologischen Studien bestätigt, die die Betrachtung von
Menschen als adaptive Einheiten untermauern.
Nach Sober und Wilson, "wird das Konzept von menschlichen Gruppen
als adaptive Einheiten nicht nur aus Sicht der Evoluionstheorie,
sondern auch durch die Mehrheit empirischer Informationen über soziale
Gruppen in allen Kulturen rund um die Erde."
Obwohl die Annahme der Existenz von mehrstufiger Selektion (MLS)
sehr naheliegend erscheint ist dies kein hinreichender Beweis für
MLS als einen evolutionären Mechanismus zur Entwicklung von Altruismus,
als Verhaltensmuster, das sich herrausbildet um die Überlebensfähigkeit zu
erhöhen. Ergänzend oder alternativ könnten verschiedene Formen
von Interaktion zwischen Gruppen (z.B. 'Soziale Kontrolle' (social control))
zur Wirkung kommen, die evolutionär stabiler sind. Es
erscheint daher wahrscheinlich, daß zum vollen Verständnis von
Altruismus fördernden Mechanismen andere Formen von Altruismus,
wie Verwandtschaftsselektion (kin selection) oder wechselseitiger Altruismus
(reciprocal altruism) untersucht werden müssen.